Stonewall Anniversary – Die Geschichte hinter der Entstehung der heutigen CSDs

Wusstet ihr, dass der erste Christopher Street Day ein Aufstand war?

Der 28.06.1969 markiert den Tag, der als „Geburtsstunde des Prides“ bezeichnet wird. Falls ihr euch fragt, warum: Heute machen wir einen Ausflug in die Geschichte, genauer: In die 60er Jahre in New York, USA. Zu der Zeit gab es nur sehr wenige Orte, an denen sich queere Personen treffen konnten, an denen jedoch regelmäßig Übergriffe durch die Polizei stattfanden. Die Bar „Stonewall Inn“ in Greenwich Village gehörte zu diesen Orten; am 28.06.1969 fand eine der Razzias statt, bei der die Polizei die Bar stürmte und die Besucher*innen zwang, sie zu räumen. An diesem Tag lief jedoch alles anders: Anstatt den Anweisungen der Polizei zu folgen, wie gewöhnlich, leisteten die Besucher*innen der Bar Widerstand und fingen an, alles nach den Polizist*innen zu werfen, was sie in die Hände bekamen. Unter den Protestierenden ist insbesondere eine trans* Frau namens Marsha P. Johnson bekannt; sie hat maßgeblich zu den Protesten beigetragen. In den folgenden Tagen solidarisierten sich weitere Anwohner*innen und queere Personen mit den Protestierenden; die Proteste in der Christopher Street, in der sich die Bar befand, dauerten fünf Tage.


Ein Jahr später, am 28.06.1970, fand in der Christopher Street eine Demonstration statt, um an den Aufstand in der Stonewall Inn zu erinnern. Zu Beginn waren es nur einige wenige Hundert Teilnehmende, über die Jahre stieg die Anzahl an Demonstrant*innen immer weiter an. Mit der Zeit begannen die Demonstrationen auch in anderen Ländern; in Deutschland fanden die ersten CSDs 1979 statt. Heute ist der Pride in vielen Städten Deutschlands gang und gäbe; jedoch wirken die CSDs meistens wie große Feste als Demos, wie man sie sonst im eigentlichen Sinne kennt. Heutzutage werden queere Menschen gesellschaftlich mehr akzeptiert als vor 50 Jahren, doch Queerfeindlichkeit und (strukturelle) Benachteiligung queerer Menschen sind aus der Gesellschaft leider nicht verschwunden. Queerer Aktivismus ist auch heute relevant, egal, ob in Form von Demonstrationen, Aufklärung, Bildung, Kundgebungen, Redebeiträgen oder weiteren Formaten. Der CSD ist ein großes Event voller Farben, Vielfalt und Stolz, doch was oft unter den Tisch fällt, ist: Der CSD ist vor allem politisch. Damit man genau das nicht aus den Augen verliert, ist es umso wichtig, dass man Geschichte lernt; dass man sich darüber informiert, wie alles angefangen hat. Genau deswegen erinnern wir uns heute an diesen Tag.

Lesbian Visibility Week

Im Rahmen der Lesbian Visibility Week, die vom 24. April bis zum 30. April stattfindet, haben wir eine Info-Reihe auf Social Media veröffentlicht. Nun kannst du auch hier das Wichtigste an Informationen über die lesbische Identität nachlesen.

Was bedeutet „lesbisch?“ – Bedeutung und Geschichte der Flaggen

Als lesbisch werden Frauen* bezeichnet, die sich zu anderen Frauen* oder zu sich mit Weiblichkeit identifizierenden nichtbinären Personen hingezogen fühlen. Demnach können sich auch nichtbinäre Personen als lesbisch identifizieren.

Du hast sicherlich schon mehrere Ausführungen der lesbischen Pride-Flagge gesehen, doch welche ist denn die offizielle? Die Antwort ist: Eine offizielle gibt es an sich nicht, doch es ist interessant, sich mit den verschiedenen Flaggendesigns und deren Entstehungshintergrund einmal auseinander zu setzen.

Labrys Flag von 1999

Die erste lesbische Flagge wurde von einem Mann namens Sean Campbell designt. Das schwarze Dreieck ist eine Anspielung auf das Symbol, das die Nazis sogenannten „Antisozialen Frauen“ zugeschrieben haben. Dazu gehörten u. a. Dieb*innen, Sexarbeiter*innen und lesbische Frauen. Die Axt repräsentiert Ermächtigung und Autarkie und die lila Farbe wird mit Femininität und lesbischer Liebe assoziiert.

Die Lipstick Lesbian Flag

Diese Flagge wurde von der Bloggerin Natalie McCray designt. Aufgrund der Farbwahl und dem Lippenstiftabdruck wird die Flagge mit Hyperfemininität in Verbindung gebracht. Viele aus der Community haben diese Flagge abgelehnt, da sie den Eindruck vermittelt, Butch Lesbians und nichtbinäre Personen auszuschließen. Über die Designerin selbst ist bekannt, dass sie mit rassistischen, transphoben und biphoben Kommentaren aufgefallen ist.

Alte Lesbian Flag ohne Lipstick

Es gibt auch eine Version der Flagge ohne Lippenstiftabdruck. Jedoch wird auch sie größtenteils eher abgelehnt.

Die lesbische Flagge aus 2018

Diese Flagge wird als weitaus inklusiver aufgefasst als die vorherige und sie wurde von Emily Gwen designt. Gender-Nichtkonformität wird hier durch das dunkle orange repräsentiert, während die beiden helleren Orangetöne für Unabhängigkeit und Gemeinschaft stehen. Weiß symbolisiert die einzigartige Beziehung zum „Frau-sein“. Die drei Pinktöne stehen (von oben nach unten) für Frieden, Liebe und Sex und Femininität.

2018-Flagge mit fünf Streifen

Von dieser Flagge gibt es auch eine vereinfachte Version mit nur fünf Streifen.


Herkunft des Begriffs und die Geschichte dahinter

Verglichen mit der Geschichte schwuler Männer ist lesbische Geschichte relativ wenig dokumentiert. Das Wort „lesbisch“ hat seinen Ursprung im antiken Griechenland: Lesbos ist eine griechische Insel, auf der die Dichterin Sappho geboren wurde. In ihren Gedichten hatte sie ihre Liebe und sexuelle Hingezogenheit zu anderen Frauen ausgedrückt, weshalb Sapphos Werke als die ältesten Dokumentationen lesbischer Geschichte gelten.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde insbesondere über männliche Homosexualität berichtet, weibliche Homosexualität bekam erst kaum Beachtung. Zunächst wurde weibliche Homosexualität durch Sigmund Freud pathologisiert und als „Inversion“ bezeichnet, was im Prinzip bedeutete, lesbische Frauen hätten „männliche Charakteristiken“. Zudem vertrat Freud die Idee eines „dritten Geschlechts“ im Zusammenhang mit der lesbischen Identität. Seine Interpretation der lesbischen Identität wurde von den meisten Psychoanalytiker*innen jedoch abgelehnt.

Im Laufe des 20. Jahrhunderts kam einiges an lesbischer Fiktion auf den Markt. Das Buch „The Song of Bilitis“ beispielsweise hatte einen großen Einfluss auf die lesbische Kultur. In den 50er und 60er Jahren wurden lesbische Werke oft unter „verschlüsselten Titeln veröffentlicht, wie z. B. „Odd Girl Out“ oder „The Evil Friendship“ von Vin Packer. Darüber hinaus boten viele britische Schulgeschichten einen Platz für lesbische Fiktion. Seit den 80ern bekamen lesbische Personen immer mehr Sichtbarkeit, sei es in der Musik, in Comics, etc. Lesbische Erotik war insbesondere in der Photographie oder in literarischen Werken vertreten.

Lesbische Personen und Feminismus

Im Laufe der Geschichte waren viele lesbische Personen im feministischen Aktivismus involviert. In den 1970er und 1980er Jahren wurde mit dem Aufkommen des modernen Feminismus und der radikalen Feminismusbewegung der lesbische Separatismus beliebt, und Gruppen lesbischer Frauen schlossen sich zusammen, um in Gemeinschaftsgemeinschaften zu leben. Einige Personen bemerkten jedoch, dass sich in diesen Gruppen Stereotypen und die sie verstärkenden Hierarchien entwickelten, was sie schließlich dazu brachte, die Gruppe zu verlassen.

Es gibt eine Reihe von Forschungen zur lesbischen Sexualität, die zur Entlarvung negativer sexueller Stereotypen in lesbischen Beziehungen geführt haben. Ein Beispiel dafür ist der „lesbian bed death“, ein erfundener Begriff, der das angeblich unvermeidliche Nachlassen der sexuellen Leidenschaft in langfristigen lesbischen Beziehungen beschreiben soll. Diese Idee wurde von vielen lesbischen Personen jedoch abgelehnt, da sexuelle Leidenschaft in fast allen langfristigen Beziehungen nachlässt, unabhängig vom Geschlecht der beteiligten Personen.

Lesbische und trans* Personen

Die Beziehung zwischen dem Lesbentum und lesbisch identifizierten transgender Frauen erwies sich in der Vergangenheit oft als schwierig. Zwar nahmen viele lesbische Communities lesbische trans* Frauen mit offenen Armen auf, jedoch gab es auch immer welche, die trans* Frauen nicht akzeptierten. Dabei stand oft die Diskussion im Raum, wie man eine Frau oder den Begriff „lesbisch“ definiert. Nicht-inklusive Personen argumentierten oft damit, dass trans* Frauen sogenannte „konstruierte Frauen“ wären und erkannten ihre Identität weder als lesbische, noch als trans* Personen an.


Auch für lesbische Personen ist die Welt heutzutage ein sicherer Ort… oder?

Nein, leider ist das nicht so. Auch in Deutschland erleben lesbische Personen täglich Lesbenfeindlichkeit. Unter Umständen trauen sich lesbische Menschen deswegen nicht, mit ihrer Identität offen umzugehen.

Lesbenfeindlichkeit bedeutet Diskriminierung ggü. lesbischen Personen. Im schlimmsten Fall kann sich das in Form von physischer oder psychischer Gewalt äußern; andere Formen von Lesbenfeindlichkeit inkludieren beispielsweise Wut, Ablehnung, Ausgrenzung, Benachteiligung bei Wohnungs- oder Jobsuche, Vorurteile, etc.

Zudem hat Lesbenfeindlichkeit auch oft mit Sexismus zu tun. Dabei wird alles, was mit Weiblichkeit assoziiert wird, abgewertet, in vielen Fällen aber auch alles, das nicht dem klassischen Rollenbild einer Frau entspricht. Gerade dann sind lesbische Personen vermehrt sexistischen Äußerungen und Vorurteilen ausgesetzt.

Diskriminierung erfolgt auch mithilfe von Sprache. Im englischen Sprachgebrauch wurde, gerade in den 50er Jahren, das Wort „dyke“ abwertend für lesbische Personen benutzt. Auch die eigentlich neutrale Selbstbezeichnung „Lesbe“ hat heutzutage einen negativen Beigeschmack bekommen.

Viele lesbische Personen benutzen diese abwertend konnotierten Wörter dennoch als politische Selbstbezeichnung, als Widerstand gegen Lesbenfeindlichkeit und als Versuch, die Wörter wieder zu „reclaimen“.

Über internalisierte Lesbenfeindlichkeit

Viele lesbische Personen haben Probleme damit, sich selbst oder ihre Identität zu akzeptieren und offen zu zeigen. Verinnerlichte Lesbenfeindlichkeit äußert sich z. B. darin, sich selbst zu zwingen, sich zu Männlichkeit hingezogen zu fühlen, Angst vor den Reaktionen anderer auf die eigene Identität haben, das Gefühl haben, dass man das lesbisch-sein bloß vortäuscht oder sich übergriffig vorkommen, wenn man sich zu einer anderen Person hingezogen fühlt und mit ihr flirtet. Falls das nach dir klingt, keine Sorge: Du bist nicht allein.

Was sind nun Dinge, die man nicht zu lesbischen Personen sagen sollte?

Die nachfolgend vorgestellten Phrasen sind welche, mit denen viele lesbische Personen konfrontiert werden. Abgesehen davon, dass man sie mittlerweile schon viel zu oft gehört hat, sind sie zudem stereotypisierend bis hin zu unangebracht und invasiv. Neugier und Fragen stellen ist an sich gut – solange dies respektvoll erfolgt. Diese Sätze sollten allerdings besser vermieden werden:

„Na, wer ist denn der Mann in der Beziehung?“

„Du siehst gar nicht lesbisch aus./Du bist zu hübsch, um eine Lesbe zu sein.“

„Wie habt ihr eigentlich Sex?“

„Wenn ihr einen Strap benutzt, warum datet ihr nicht einfach gleich Männer?“

„Heißt das, dass du einfach Männer hasst?“

„Das ist doch nur eine Phase.“


Lesbische Aktivist*innen

Barbara Gittings

Barbara Gittings, eine amerikanische Aktivistin, hat die erste lesbische und Menschenrechtsorganisation „Daughter of Bilitis“ organisiert. Sie arbeitete mit Frank Kameny bei den ersten Streikposten zusammen, die sich gegen das Verbot der Beschäftigung von Homosexuellen durch die Regierung der USA wandten. Außerdem war sie Teil der Bewegung, die die American Psychiatric Association dazu brachte, Homosexualität nicht mehr als eine psychische Störung zu klassifizieren.

Kasha Jacqueline Nabagesera

Kasha Jacqueline Nabagesera ist eine Menschenrechtsaktivistin aus Uganda und Gründerin der LGBT+ Organisation „FARUG (Freedom & Roam Uganda)“. Trotz der enormen Gewalt gegen queere Menschen in ihrem Land kämpft Nabagesera weiterhin für die Rechte queerer Menschen in Uganda (z. B. wurde in einer Zeitung aus Uganda eine Liste queerer Menschen veröffentlicht mit dem Titel „Hang them“ – Nabageseras Name war dabei). Für ihre Arbeit hat sie internationale Anerkennung bekommen.

Jean Chong

Jean Chong ist Mitgründerin der Sayoni, eine queerfeministische Organisation in Singapur, die sich für die Rechte queerer Menschen einsetzt. Darüber hinaus ist sie eine der Anführer*innen der „ASEAN Sexual Orientation, Gender Identity and Gender Expression Caucus“. Sayoni wurde gegründet, da es zu wenig queere Personen in Führungspositionen in Singapur gab; außerdem hat eine genderdiversere Perspektive, was Organisationen angeht, gefehlt. Das macht Chong zu einer der Personen, die an der Front für die Rechte queerer Menschen in Singapur kämpft.

Beverly Palesa Ditsie

Die südafrikanische lesbische Aktivistin Beverly Palesa Ditsie hat im Jahre 1995 auf der 4. UN-Weltfrauenkonferenz in Peking über die Bedeutung der queeren Rechte im Kontext der Menschenrechte gesprochen. Sie war nicht nur die erste offen lesbische Frau, die vor den Vereinten Nationen sprach, sondern es war auch das erste Mal, dass die Vereinten Nationen offen auf queere Themen angesprochen wurden.

Audre Lorde

Audre Lorde war eine amerikanische Schriftstellerin, Feministin und Menschenrechtsaktivistin. Sie ist besonders für ihre Poesie mit ihrem markanten emotionalen Ausdruck und der Verarbeitung von sozialen Ungleichheiten, mit denen Lorde konfrontiert wurde. Außerdem war sie Mitgründerin des „Kitchen Table: Women of Color Press“, der erste US-Verlag für BIPOC-Frauen sowie der „Women’s Coalition of St Croix „, eine Organisation, die Opfer von sexuellem Missbrauch hilft.

A_sexualität – Wissenswertes im Rahmen der Asexual Awareness Week

Die Asexual Awareness Week findet vom 23. bis zum 29. Oktober statt! In diesem Beitrag haben wir alles Wichtige zu diesem Thema für euch zusammengefasst.

Was ist A_sexualität?

Der Begriff a_sexuell beschreibt eine Person, die wenig bis gar keine sexuelle Anziehung auf andere verspürt. Es kann auch bedeuten, dass jemand keine sexuellen Beziehungen anstrebt oder kein Verlangen danach hat, aber das muss nicht immer bei allen der Fall sein.

Nichtsdestotrotz können a_sexuelle Menschen auch andere Formen der Anziehung erleben, wie z.B. romantische, ästhetische, sinnliche oder platonische Anziehung. Während die meisten a_sexuellen Menschen eine niedrige Libido haben, erleben einige a_sexuelle Menschen sexuelles Verlangen. Es ist wichtig, sich vor Augen zu halten, dass a_sexualität nicht unbedingt bedeutet, eine Abneigung gegen Sex zu haben.

Wusstest du, was die Farben der Flagge bedeuten? Schwarz steht für A_sexualität, Grau für das a_sexuelle Spektrum, Weiß für Sexualität und Lila für Gemeinschaft. Um zu betonen, dass A_sexualität ein Spektrum ist, fügen viele Menschen dem Wort “ a_sexuell“ einen Unterstrich hinzu.

Geschichte der A_sexualität

Der Begriff der A_sexualität entstand erstmals in den 1890er Jahren, als der deutsche Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld Menschen ohne sexuelles Verlangen Menschen ohne sexuelles Verlangen als „Anästhesie-Sexuelle“ bezeichnete. In den 1940er Jahren wurde die Kinsey-Skala, eine Skala zur Bewertung der sexuellen Skala, um die Kategorie X erweitert, die Menschen ohne sexuellen Kontakt oder Reaktionen klassifiziert.

In den 1970er Jahren unterschieden die Psychologen zwischen fehlendem Sexualverhalten und mangelnder sexueller Anziehung zu anderen. Mit der Zeit gewann der Begriff a_sexuell mehr Anerkennung und Bewusstsein, und heute ist er ein häufig verwendeter Begriff zur Beschreibung der sexuellen Orientierung. Allerdings gibt es immer noch viele Missverständnisse über A_Sexualität, die aufgeklärt werden müssen.

Wusstest du schon? Einige berühmte a_sexuelle Menschen sind:

Emily Bronte
Isaac Newton
Yasmin Benoit
Nikola Tesla
Cavetown

Hinweis: Die hier aufgeführten Personen haben entweder öffentlich ihre A_sexualität geäußert oder wurden von Historiker*innen für asexuell gehalten.

Jetzt stellt sich die Frage: Haben a_sexuelle Menschen trotzdem Sex?

Die kurze Antwort lautet: Ja, absolut. Es kommt aber wirklich auf die Person und ihre Vorlieben an. In diesem Beitrag werden wir ein paar Begriffe erklären, die das Verhältnis von a_sexuellen Menschen zum Sex näher beschreiben.

Sex-repulsed. Dieser Begriff beschreibt eine Person, die Sex als Aktivität, als Gesprächsthema oder in einem anderen Zusammenhang abstoßend findet. Dies ist das gängige Bild, das die Menschen von a_sexuellen Menschen haben. Es ist aber nur eine Form des Erlebens der eigenen Sexualität und trifft bei weitem nicht auf jeden a_sexuellen Menschen zu.

Sex-indifferent. Bezieht sich auf eine Person, die sich gleichgültig gegenüber Sex oder der Erwähnung von Sex in Gesprächen, in den Medien usw. fühlt. Sie könnten Kompromisse eingehen, z. B. Sex haben, um sich mit ihren Partner*innen verbunden zu fühlen, aber sie haben kein Bedürfnis danach.

Sex-favorable. A_sexuelle Menschen, die sex-favorable sind, genießen Sex auf körperliche oder emotionale Weise und bereiten anderen gerne sexuelle Freude. Oft werden a_sexuelle Menschen mit sexuellen Vorlieben mit allosexuellen Menschen verwechselt, aber es ist wichtig, daran zu denken, dass sexuelle Vorlieben nicht dasselbe sind wie sexuelle Anziehung.

A_sexualität: Weitere Identitäten

A_sexualität ist ein Spektrum – der Begriff wird oft als Oberbegriff verwendet. Wir haben bereits erklärt, was A_sexualität bedeutet und dennoch gibt es noch mehr Begriffe, die Identitäten beschreiben, die ebenfalls in das Spektrum fallen. Die Frage ist: Was sind das für Identitäten?

Grau-Asexuell. Bezieht sich auf eine Person, die
sexuelle Anziehung nur selten, in geringer Intensität
oder auf bestimmte Personen gerichtet erlebt.

Demisexuell. Beschreibt eine Person, die keine sexuelle Anziehungskraft verspürt, bis sie eine emotionale Verbindung eingeht.

Cupiosexuell. Eine Person, die sich auf dem a_sexuellen Spektrum befindet und trotzdem sexuelle Beziehungen wünscht.

Fraysexuell. Bezieht sich auf eine Person, die sich sexuell zu Menschen hingezogen fühlt, die sie nicht gut kennt. Die Anziehung lässt nach, sobald sie die Person besser kennengelernt hat.

Aceflux. Beschreibt eine Person, deren sexuelle Orientierung zwischen keiner, wenig und starker Anziehung schwankt. Dennoch befinden sie sich immer irgendwo auf dem Ace-Spektrum.

Aegosexuell. Die Person hat das Gefühl, dass es keine Verbindung zwischen ihr und dem Gegenstand der Erregung gibt. Sie haben vielleicht sexuelle Fantasien usw., aber nicht das Verlangen, Geschlechtsverkehr zu haben.

Häufige Missverständnisse in Bezug auf A_sexualität

A_sexualität ist ein relativ kleines Label – man schätzt, dass etwa ein Prozent der Bevölkerung a_sexuell sein könnte. Da es ein so kleines Label ist, ist es keine Überraschung, dass es viele Missverständnisse über A_sexualität gibt. Es ist wichtig, sich dessen bewusst zu sein und und sich über dieses Thema zu informieren.

„A_sexuelle Menschen hassen einfach Sex.“

Das mag auf einige zutreffen, aber a_sexuelle Menschen können unterschiedliche sexuelle Vorlieben haben.

„A_sexuelle Menschen haben einfach noch nicht die richtige Person gefunden.“

Zu einer Hetero-Frau würdest du wahrscheinlich auch nicht sagen, dass sie noch nicht die richtige Frau getroffen hat…

„A_sexuelle Personen können sich auch nicht verlieben.“

Das stimmt nicht! Ja, es gibt a_sexuelle Menschen, die zufällig auch aromantisch sind, aber dennoch können viele a_sexuelle Menschen romantische Anziehung erfahren.

„A_sexualität ist das Ergebnis einer Traumatisierung.“

Auch falsch. A_Sexualität beschreibt die Anziehung und nicht, warum man eine bestimmte Art von Anziehung nicht empfindet.

„A_sexualität existiert eigentlich gar nicht.“

Lass dich nicht von der mangelnden Repräsentation in den Medien oder in deinem Alltagsleben täuschen.

„A_sexuelle Menschen haben keinen Sex und wenn doch, dann ist er immer vanilla.“

Erstens: Es ist nichts falsch daran, Vanilla Sex zu genießen. Und zweitens muss Kink nicht unbedingt sexuell sein.

Aromantisch – alles Wichtige zum Thema


Die Aromantic Awareness Week findet vom 19. bis zum 25. Februar statt! In diesem Beitrag haben wir alles Wichtige zu diesem Thema für euch zusammengefasst.

Grundbegriffe

aromantisch

Menschen, die aromantisch (kurz: aro) sind, empfinden keine, wenig, zeitweise und / oder nur unter bestimmten Umständen romantische Anziehung zu anderen Menschen. Aromantik bezeichnet hier ein Spektrum, welches verschiedene Lebensrealitäten und Erfahrungen beschreibt. Das Gegenteil von aromantisch ist alloromantisch: Menschen, die generell romantische Anziehung ohne Einschränkungen verspüren, sich also verlieben, Beziehungen eingehen etc.

romantische Anziehung

Romantische Anziehung ist schwer zu definieren, doch ein Versuch könnte folgender sein: Das Vorhandensein von Verliebtheitsgefühlen, Schwärmereien und/oder dem Bedürfnis, eine romantische Beziehung mit einer oder mehreren Personen zu führen und/oder dem Bedürfnis, romantische Aktivitäten mit anderen durchzuführen. Was als “romantisch” definiert wird, kann subjektiv und von Person zu Person unterschiedlich empfunden werden. In unserer Kultur wären das z. B. Küssen, Händchen halten, Kuscheln, gemeinsame Aktivitäten (Dates), eine gemeinsame Zukunft planen, Verantwortung zusammen übernehmen (z. B. das Gründen einer Familie), eine gemeinsame Wohnung zu haben, Heiraten usw.

Amatonormativität

Die gesellschaftliche Annahme, dass jede Person eine zentrale, amouröse, monogame und langzeitliche Beziehung führen muss, um vollständig und glücklich im Leben zu sein. Die Norm besagt auch, dass romantische Beziehungen wichtiger als Freundschaften sind. Somit werden single (auch: non-partnering) Personen diskriminiert, da ihnen permanent das Gefühl gegeben wird, ihnen fehle etwas Wichtiges im Leben und ihr Single-Dasein sei nur vorübergehend. Strukturelle Diskriminierung schlägt sich dadurch nieder, dass bspw. die staatliche Ehe finanzielle Vorteile mit sich bringt und andere Formen von Beziehungen rechtlich keine Absicherung ermöglichen.

a*spec

Ein Spektrum verschiedener aromantischer und asexueller Identitäten, welche unter diese Überbegriffe (auch: Umbrella-Begriffe / terms) fallen. Menschen können sowohl ihre romantische als auch ihre sexuelle Identität als aspec beschreiben, wenn diese nicht voneinander getrennt sind und / oder nicht näher spezifiziert werden müssen.

Aro-Ace

auch: aromantic-asexual. Ein Label für Personen, die sich sowohl auf dem asexuellen als auch aromantischen Spektrum befinden. Personen, die aroace sind, können, aber müssen nicht zwingend, andere Formen von Anziehung empfinden, z. B. platonische, sensuelle oder ästhetische.


Aromantische Labels und Identitäten

aegoromantisch: Empfinden romantischen Verlangens ohne das Bedürfnis, dieses auzuleben; Romantik wird mitunter als interessant oder schön empfunden, man möchte aber keine Beziehung eingehen

aroflux: fluide, sich verändernde Empfindung von romantischer Anziehung

demiromantisch: romantische Anziehung bildet sich erst, sobald eine anderweitig intensive emotionale Bindung etabliert wurde

cupioromantisch: romantischer Anziehung wird in der Regel nicht empfunden, Person geht aber gerne Beziehungen ein

aplatonisch: Nichtempfinden freundschaftlicher Anziehung

frayromantisch: romantische Anziehung für Menschen, die man kaum kennt; verschwindet, sobald man eine engere Bindung mit der Person eingeht

greyromantisch: Anziehung mit “Graustufen”, die nach bestimmten Regeln oder Vorraussetzungen kommen und gehen kann; kann Überbegriff, aber auch konkretes Label sein

lithromantisch: Empfinden romantischer Anziehung mit dem Wunsch, dass diese nicht erwidert wird; verschwindet womöglich, sobald diese erwidert wird

loveless aro: Empfinden der Abgetrenntheit vom Konzept Liebe (auch nicht romantischer), Ablehnung des Konzepts und / oder des Empfindens von Liebe und / oder Unsicherheit darüber, ob Liebe empfunden wird

oriented/angled aroace: Empfinden einer oder mehrerer Formen von Anziehung, welche nicht romantisch und sexuell sind

quoiromantisch: auch: WTF-romantisch; Unfähigkeit, romantische von platonischer Anziehung zu unterscheiden

reciproromantisch: romantische Anziehung baut sich erst auf, sobald Person(en) Interesse an einem*r bekunden


Anziehungsformen

Die meisten Menschen können mit dem Begriffen “romantisch” und “sexuell” etwas anfangen, aber gibt es eigentlich noch andere Formen von Anziehung? Die kurze Antwort ist: Ja! Ein Versuch für aro Menschen alternative Anziehungsformen zu beschreiben, liefert das Split Attraction Model (SAM).

Das SAM ist ein Modell getrennter Anziehung, welches romantische von sexueller Anziehung grundlegend separiert. Traditionell wird angenommen, dass ein romantisches Interesse an einer anderen Person impliziert, dass man gleichzeitig sexuelles Begehren für diese Person verspürt (und andersherum). Das SAM bricht mit diesem Standard und zeigt auf, dass Menschen sich zu verschiedenen Personen unterschiedlich angezogen fühlen können. Andere Formen von Anziehung sind hier explizit ebenso Teil des Modells; aro Personen können auch bspw. homoplatonisch oder bisensuell sein.

„Aromantisch“ bedeutet nicht immer, eine Abneigung gegenüber Romantik zu haben.

Hier sind Begriffe wie „romance repulsed“, „romance indifferent“ und „romance favorable“ hilfreich. Doch was bedeutet das? Das sind verschiedene Stufen, auf denen sich die Einstellung von aro Personen gegenüber Romantik und romantischen Beziehungen befinden kann. Jemand, der*die Romantik positiv bewertet, geht gerne Beziehungen ein oder möchte gerne romantisch konnotierte Aktivitäten mit Freund*innen und/oder Partner*innen erleben. Eine aro Person, die dem Ganzen gegenüber negativ eingestellt ist, möchte es nicht und mag die Darstellung von Romantik bei anderen Menschen oder in Medien auch nicht sehen. Eine aro Person, die zum Thema Romantik keine wirkliche Meinung hat, wäre das Konzept von romantischer Liebe ziemlich egal.

… und wie ist das mit den anderen Formen der Anziehung? Die folgenden Begriffe sind Versuche der aro Community, unterschiedliche Erfahrungen zu beschreiben und sind teilweise wenig etabliert. Das sollte nicht davor abschrecken, sie zu kennen und für sich zu benutzen, wenn sie sich passend anfühlen.

sexuell: Anziehung basierend auf dem Interesse oder Bedürfnis mit einer oder mehreren Personen körperlich intimen Kontakt zu haben; ein sexueller Schwarm wird auch Smush genannt.

ästhetisch: Anziehung basierend auf positiv empfundenen äußerlichen Merkmalen; ein ästhetischer Schwarm auf eine Person, wird auch Swish genannt.

tertiär: Überbegriff für alternative Anziehungsformen neben romantisch und sexuell, siehe auch angled / oriented aro.

familiär: Anziehung, welche geschwisterliche und elterliche Gefühle für andere Personen beinhaltet, muss sich nicht auf die Herkunftsfamilie beschränken.

sensuell: sinnliche, nicht-sexuelle Anziehung basierend auf dem Bedürfnis, Menschen nahe zu sein, bspw. durch Händchenhalten, Küssen, Kuscheln; ein sensueller Schwarm wird auch Lush genannt.

platonisch: freundschaftliche Anziehung aufgrund von Sympathie; meistens (aber nicht immer) ohne romantische und sexuelle Anziehung; ein platonischer Schwarm wird auch Squish genannt.

queerplatonisch / alterous / exteramo: Begriffe für Anziehung, die mit dem Interesse oder Bedürfnis einhergehen, Menschen emotional nahe zu sein, ohne dass dies zwingend platonisch und / oder romantisch sein muss; mitunter schwer zu definieren; ein alteroser Schwarm, wird Mesh genannt, ein queerplatonischer Squash oder Plush.


Alternative Beziehungsformen

Ethische Nicht-Monogamie: Überbegriff für Beziehungen oder dem Bedürfnis nach Beziehungen mit mehr als einer*einem Partner*in. Dabei sind der Konsens aller Beteiligten, offene Kommunikation und Respekt für Grenzen und Bedürfnisse aller essentiell.

Polyamorie: Das Führen mehrerer partnerschaftlicher Beziehungen. Dabei können bestimmte Beziehungen z. B. durch Zeitaufwand für den Menschen, dem Übernehmen gemeinsamer Verantwortung oder bestimmte Label priorisiert werden (Beziehungshierarchie). Manche aromantische Personen benutzen dafür lieber die Begriffe polyplatonisch oder polyaffectionate. Polyplatonische Beziehungen sind explizit nicht romantisch und / oder nicht sexuell.

Beziehungsanarchie: Eine Unterform der Polyamorie. Dabei sollen alle Beziehungen gleichwertig sein und gleichberechtigt behandelt werden. Subjektiv kulturelle Normen und Erwartungen dafür, was in einer Beziehung erlaubt ist und was nicht, werden explizit abgelehnt, sodass sich jede Beziehung dynamisch und (bestenfalls) ohne gesellschaftliche Erwartungen und Einschränkungen entwickeln kann.

Chosen/Found Family: Eine Gruppe von Personen, die sich aufgrund emotionaler Nähe bewusst dazu entscheidet, familiäre Strukturen von Geborgenheit, Fürsorge und Unterstützung füreinander zu übernehmen, obwohl diese Menschen biologisch oder legal nicht verwandt sind.

Aromate: Ein*e Freund*in, welche*r die Rolle eines nicht-romantischen Seelenverwandten erfüllt.

non-partnering: Deutsch: nicht-partnerschaftlich / nicht-amourös. Personen, die keine Partnerschaften eingehen.

Paramour: Ein*e Freund*in, mit dem man eine sexuell intime Beziehung hat. Ähnelt friends with benefits (Freund*innen mit gewissen Vorzügen).

Soft Romo: Eine Beziehung, die zwischen Freundschaft und QPR angesiedelt ist. Diese lässt Spielraum für romantische Anziehung von romantik-zugeneigten Aros oder von aromantischen Personen, deren romantische Identität fluktuiert.

Queerplatonic Relationship (QPR): Deutsch: queerplatonische Beziehung. Eine feste, nicht-romantische Verbindung von Menschen, welche den subjektiv gesellschaftlichen Rahmen für Beziehungen sprengt. Das Verhalten und die Intimität der queerplatonischen Partner*innen (QPP, manchmal Zucchini genannt) miteinander erfüllen die Normen und Erwartungen, welche an Beziehungen gestellt werden, oft nicht. QPR können sexuell und romantisch konnotierte Elemente enthalten, müssen sie aber nicht.

Wavership: Eine Beziehung, welche fluide ist und sich zwischen verschiedenen Beziehungsformen bewegt. Dies kann abhängig sein von Zeit und Ressourcen, welche in diese Beziehung investiert werden können und/oder wechselnder Gefühle und Bedürfnisse, die sich aufgrund veränderlicher romantischer, sexueller oder geschlechtlicher Identitäten ändern können.


Arofeindlichkeit – Was ist das eigentlich und was gehört alles dazu?

Englisch: aromisia, arophobia. Die Abneigung gegenüber und Diskriminierung von aromantischen Personen. Viele alloromantische Menschen sind sich aufgrund fehlender Aufklärung und Sichtbarkeit von aro Identitäten oft nicht bewusst, welche Aussagen und Verhaltensweisen arofeindlich sind. Im Nachfolgenden werden ein paar Formen erklärt.

Allonormativität
Die Annahme, dass alle Menschen alloromantisch (und damit einhergehend auch allosexuell, also nicht asexuell) seien. Diese Erwartung wird als “normal” konstruiert. Allonormativität wird auch in queeren Communities reproduziert, bspw. mit dem Slogan “Love is love”. Romantik wird hier als allgegenwärtig, unausweichlich und oft als Lebenssinn jedes Menschen dargestellt, obwohl dies auf viele aro (und selbst alloromantische) Menschen nicht zutrifft.

Singlism
Deutsch: Singlismus. Die Stigmatisierung aller Menschen, welche alleinstehend sind. Diese betrifft auch alloromantische Menschen, welche sich keine Beziehung wünschen oder aus anderen Gründen ohne Partner*in sind. In vielen Ländern werden durch Singlism besonders Unverheiratete benachteiligt, bspw. bei der Wohnungssuche oder ihnen werden finanzielle Vorzüge verwehrt. Damit geht auch eine gesellschaftlich-kulturelle Dimension einher: Singles wird oft mit Unglauben begegnet, dass sie ohne Partner*in glücklich sein können.

Unsichtbarkeit bzw. Unsichtbarmachung
Englisch: invisibility und erasure. Das fehlende Bewusstsein von Aromantik in der Gesellschaft. Das kann absichtlich oder unabsichtlich passieren. Am häufigsten werden aro Menschen und Identitäten durch Nichtbenennung und Nichteinbeziehung unsichtbar gemacht. Das kann passieren durch:

  • bestehende Normen (z. B. von Kindern erwarten, dass sie später eine Partnerin haben)
  • fehlende Aufklärung (z. B. an Schulen) und
  • fehlende Repräsentation alternativer Identiäten in Medien (z. B. ein Happy End bei einer Romcom ist meistens definiert durch eine Person, die mit einem/einer Partner*in zusammenkommt).

Queere Sprachlosigkeit
Das Nichtbestehen geeigneter Worte, um die aro Identität zu beschreiben. Aros und anderen queeren Menschen wird oft vorgeworfen, dass sie mit neuen “überflüssigen” Wörtern komplett übertreiben würden und dass zu viele spezifische Begriffe für unterschiedliche Erfahrungen die queere Community nur weiter auseinandertreiben würden. Diese Auffassung entspringt dem Privileg, dass bestehende Wörter bereits allumfassend und akkurat die eigene Lebensrealität beschreiben. Aros besitzen dieses Privileg in der Regel nicht (und verlangen übrigens auch nicht, dass jede*r jedes Microlabel und alle Formen von Anziehung kennt).

Bagatellisieren der Diskriminierungserfahrungen
Ähnlich wie bei Menschen, die von anderen Diskriminierungsformen betroffen sind, befinden sich Aros oft in der Position die erlebte Ungleichheit andauernd erklären und rechtfertigen zu müssen. Diskriminierung als solche ist allerdings auch subjektiv definiert; was eine aro Person als diskriminierend empfindet, ist für eine andere vielleicht uninformiert, aber nicht aktiv schädigend. Gleichzeitig soll durch die Benennung arofeindlicher Aussagen und Verhaltensweisen anderen gesellschaftlich marginalisierten Personen die eigene Lebensrealität ja nicht abgesprochen werden. Es geht nicht darum, wer es am “schlechtesten” hat. Das Ausspielen dieser Annahme nennt man auch Oppression Olympics (Deutsch: Olympiade der Unterdrückung).

„Passing“ Privilegien
“Passing” bezeichnet in queeren und nicht-queeren Kontexten das Lesen einer Person als Teil einer gesellschaftlich priviligierteren Gruppe (z. B. heterosexuell statt homosexuell) und sie damit verbunden nicht mit Stereotypen, die einer marginalisierteren Gruppe zugeschrieben werden, in Verbindung zu setzen. Bei der Aromantik wäre es also so, dass aro Personen als heteroromantisch gelesen werden, obwohl sie dies nicht sind. Damit geht die Annahme einher, dass hetero passing Personen auf dem aro Spektrum weniger arofeindliche Diskriminierung erleben würden. In Wahrheit ist es recht unwahrscheinlich, dass die Unsichtbarkeit der eigenen queeren Identität immer vor gewaltvollen Zuschreibungen oder Erwartungen schützt. Eher drängt es aro Personen immer weiter in den Closet zurück, macht Coming Outs schwieriger und schürt Angst, dass man sich aufgrund ständiger invasiver Fragen (z. B. wenn die Familie fragt, warum man mit 30 immer noch keine*n Partner*in gefunden hätte) irgendwann doch Outen muss, obwohl man dafür vielleicht (noch) nicht bereit ist.

Gatekeeping
Als Person auf dem aromantischen (und auch asexuellen) Spektrum hört man öfter die Aussage, dass das A in LGBTQIA+ für “Ally”, also Verbündete, die nicht queer sind, aber sich dennoch für die Gleichberechtigung queerer Menschen einsetzen, stehen würde. Abgesehen davon, dass das A im Akronym für mehrere Begriffe stehen kann (z. B. asexuell, aromantisch, agender), muss es in queeren Kontexten auch Platz für Aromantik geben. Aufgrund der chronischen Unsichtbarkeit des Labels scheint es für viele queere Menschen etwas Neues zu sein, sodass ihm mit Unverständnis entgegnet wird, welches dann in Gatekeeping mündet. Dabei wird Aromantik als “nicht queer genug” angesehen, besonders wenn Betroffene endo, cis und heterosexuell sind.

Entmenschlichung
Durch gesellschaftliche Normen wie Amato- und Allonormativität wird Mensch-sein oft über die Fähigkeit (romantische) Liebe empfinden zu können definiert. Das äußert sich v. a. in Gesprächen zwischen aromantischen und alloromantischen Menschen, wobei letztere Aros als gefühlskalt, berechnend, kaputt oder fundamental unvollständig wahrnehmen. Diese Dehumanisierung tut besonders weh, wenn sich allosexuelle aro Menschen in Beziehungen befinden und nach einem Coming Out vorgeworfen bekommen, dass sie ihre Partner*in(nen) ja nur ausnutzen würden. Was uns menschlich macht ist allerdings ein philosophisch tiefergreifendes Thema, was viel Spielraum für unterschiedliche Wahrnehmungen und Lebensrealitäten lassen sollte.

Bevormundung
Da Aromantik größtenteils unsichtbar und unbekannt ist, sind typische Reaktionen auf ein Coming Out manchmal zwar gut gemeint, aber oft auch invalidierend. Selbst, wenn alloromantische Personen das Konzept an sich nicht ablehnen und neuen Perspektiven offen gegenüber stehen, hört man sehr oft die Aussage: “Du findest bestimmt noch den*die Richtige*n!” Für viele Aros gibt es aber nicht “den*die Richtige*n”. Alleinstehend zu sein sollte nicht als bemitleidenswert angesehen werden, auch nicht für alloromantische Menschen! Andere gut gemeinte, aber auch unsensible, Ratschläge können z. B. auch Datingtipps sein oder ein Pep Talk darüber, dass nach jeder Zeit des Single-seins auch wieder eine Zeit kommt, in der Personen eine erfüllende, romantische Beziehung eingehen.

Pathologisierung
Obwohl Asexualität in der Geschichte bisher oft pathologisiert wurde (und teilweise immer noch wird), passiert dies auch mit Aromantik. Besonders in der Psychotherapie besteht ein fehlendes Bewusstsein für diese queere Identität. Therapeut*innen sind bestenfalls überfordert und schlimmstenfalls aktiv bemüht, Klient*innen ihre aro Identität abzusprechen und sehen es als Heilung an, wenn diese doch irgendwann Beziehungen eingehen sollten. Ein anderer Aspekt wäre das Abwälzen der aro Identität auf vermeintliche Persönlichkeitsstörungen (bspw. Borderline und Narzissmus) oder auf das Vorhandensein emotionaler oder sexueller Traumata. Es kann natürlich auch sein, dass fluktuierende romantische Anziehung manchmal Ausprägungen von Traumata, psychischen Problemen oder Neurodivergenz sind, das trifft aber bei weitem nicht auf jede aro Person zu.